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Quelle: https://www.welt.de/politik/deutschland/plus243462931/Wrangelkiez-Berlin-Mit-den-Kindern-so-gut-es-geht-unsichtbar-machen-sonst-fliegen-Flaschen.html#Comments

Drogendelikte, Einbrüche, Körperverletzungen: Der Wrangelkiez ist ein krimineller Hotspot in Berlin. Das Familienzentrum „Kiezanker“ versucht hier, Kleinkindern einen Schutzraum zu bieten, in dem sie sich gut entwickeln können. Wie geht das, wenn sich in der Nähe Junkies Spritzen setzen?

Eine Passantin macht schon vor Betreten des Gebäudes darauf aufmerksam, dass es ratsam ist, das Fahrrad nicht nur abzuschließen, sondern auch anzuschließen. Nicht umsonst ist der Wrangelkiez in Berlin-Kreuzberg laut Polizeistatistik ein krimineller Hotspot. Hier passieren – übertroffen nur vom Alexanderplatz – die meisten Verbrechen in Berlin.

Drogendelikte stehen an Nummer eins, gefolgt von Einbrüchen, Diebstahl, Körperverletzung. Der Görlitzer Park liegt rund 300 Meter entfernt vom Familienzentrum „Kiezanker“, in dem gerade ein Familienfrühstück stattfindet. Eine Mutter schaukelt ihr Baby auf dem Knie. Ein paar Gehminuten entfernt stehen die Dealer am Parkeingang Spalier und versuchen, ihre Drogen an Passanten zu verticken.

Heute aber ist ein guter Tag fürs Viertel, das Bündnis „Kiezanker 36“ hat es unter die letzten zehn Nominierten des Deutschen Kita-Preises geschafft in der Kategorie „Lokales Bündnis für frühe Bildung des Jahres“. Daher darf Leiterin Esther Borkam heute ihr Familienzentrum vorzeigen, in dem auch zehn Kitas und Kinderläden organisiert sind. Gemeinsam mit ihnen will der „Kiezanker“ besonders für die Kleinkinder im Viertel da sein.

Hierher können die Erzieher kommen, um mit ihren Kindern zu töpfern, zu turnen oder um in das große Bällebad zu springen. Im Sommer nutzen sie den Garten, im Winter die Feuerschale oder den Steinofen, denn einen Außenbereich gibt es in den Kinderläden nicht. Viel eher muss man aufpassen, dass man nicht in Hundekot tritt, wenn man auf die Straße geht.

„Wir finden es einfach wichtig, dass die Kinder und die Eltern aus dem Kiez sich vernetzen und gemeinsam ihr Viertel mitgestalten“, sagt Esther Borkam. Sie sitzt in der Kuschelecke des Familienzentrums auf einem roten Sofa und erzählt ihr Konzept den beiden Mitarbeitern des Deutschen Kita-Preises Stefan Clotz, Coach und Kita-Berater, und Eva Wingerter-Knoke, Programmleiterin. Die beiden werden nach ihrem Besuch in Kreuzberg einen Bericht schreiben an die 18 Juroren des Preises, der im Mai im Auftrag des Bundesfamilienministeriums verliehen wird. Von den letzten zehn Nominierten werden fünf prämiert. Der erste mit 25.000 Euro, vier weitere mit je 10.000 Euro. 

Wichtig sei ihnen vor allem die Orientierung am Kind, sagt Clotz. „Werden wirklich die Kinder beteiligt, oder reden nur die Eltern? Wie strahlt das Projekt in das Viertel hinein?“

Im grün-geführten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg gibt es einen Migrantenanteil von 35,9 Prozent. Hier treffen alle möglichen Nationalitäten aufeinander. Längst ist nicht mehr klar, wer im Szenestadtteil Kreuzberg den Ton angibt: die grünen Wahlkreis-Gewinner, Touristen, Investoren oder Drogendealer. Borkam versucht, Spannungen schon im Kleinen aufzufangen. Neulich etwa hat es im Zentrum einen Kunstkurs gegeben, zu dem auch ukrainische und russische Kinder eingeladen waren. „Die Kinder bekommen ja mit, dass es Krieg gibt und waren ganz erstaunt zu merken, dass der Russe nicht per se böse ist“, erzählt Borkam.

Die Sucht wird für die Kinder sichtbar

Straßenfeste gibt es, Kurse, in denen türkischstämmige Kleinkinder erste Berührungen mit der deutschen Sprache bekommen, und der gemeinsame Laternenumzug gegen die Verdrängung der Alteingesessenen ist im Kiez schon eine Institution.

Mittlerweile sind die Grünen-Wähler, die nach der Wende den Kiez bevölkerten, in die Jahre gekommen. Bedürfnisse haben sich verschoben. Nicht jeder schätzt eine Fixerstube in der Nachbarschaft, obwohl sie dringender gebraucht wird denn je: Die steigenden Mietpreise treiben auch die Drogenabhängigen auf die Straße und in die öffentlichen Toiletten, und die Sucht wird auch für die Kinder sichtbar. 

Auch das neue Parkraum-Konzept verärgert viele Anwohner, das die Anzahl der Autos im Viertel verringern soll: Ab März wird der Parkplatz hier vier Euro die Stunde kosten.

Eine merkwürdig absurde Verknüpfung sei das, sagt Kinderladen-Leiterin Nina Hofeditz, die hohen Mieten, die teuren Restaurants und gleichzeitig das Leid auf der Straße. 13 Prozent der Bewohner sind Sozialhilfeempfänger. „Das Elend springt einen hier an jeder Ecke an“, sagt Hofeditz. Gemeinsam mit den Kindern habe sie jüngst den Spielplatz in ihrer Nachbarschaft „besetzt“.

Zuvor hatten Eltern und Erzieher sauber gemacht und den Buddelsand von Scherben, Spritzen und Fäkalien befreit. „Wir sind keine Olchis“, stand auf ihrem Transparent, das auf das Kinderbuch mit den kleinen grünen Wesen angespielt, die Dreck lieben und auf einer Müllkippe wohnen.

Wenn Hofeditz zu einem Ausflug zum Spielplatz im Görlitzer Park aufbricht, macht sie sich um die Dealer die wenigsten Sorgen. „Sie sind kinderlieb und hilfsbereit, sie bleiben auf Abstand“, sagt Hofeditz. „Das Problem sind eher die Konsumenten.“ Längst hat sich die Erzieherin eine Strategie zurechtgelegt und macht einen großen Bogen um die Grüppchen, die im Park zusammen Crack rauchen. Vor allem schaut sie niemandem in die Augen. „Man muss sich mit den Kindern so gut es geht unsichtbar machen“, sagt Hofeditz, „sonst gibt es oft Geschrei, oder es fliegen Flaschen.“

Im Familienzentrum habe neulich erst ein Sozialarbeiter über die Wirkung der aktuellen Drogen aufgeklärt, Schizophrenie sei eine häufige Folge. „Wir müssen wissen, was gerade in Umlauf ist, dann können wir besser reagieren“, sagt Hofeditz. „Die Vernetzung mit anderen Erzieherinnen und Kinderläden ist einfach wichtig, um zu beratschlagen, wie wir mit bestimmten Situationen umgehen.“

Gemeinsam haben sie dann noch ein Plakat gestaltet, das besonders den Eltern als eine Art Leitfaden dienen soll zu den Themen: „In meinem Treppenhaus werden Drogen konsumiert“ und „Ich habe mich an einer Spritze gestochen. Was kann ich tun?“.

Desinfektionsmittel benutzen, viel Wasser über die Haut laufen lassen, die Blutung nicht stoppen, damit die Keime ausgeschwemmt werden können.

Und dann gibt es noch das Mietenproblem

Aber die Drogen und der Dreck sind nicht die einzigen Probleme, die ein Leben mit Kleinkindern im Wrangelkiez nicht gerade einfach machen. Dazu kommen die explodierten Immobilienpreise und die Verdrängung. Allein in den vergangenen vier Jahren sind die Mietpreise von durchschnittlich elf Euro auf 13 Euro kalt pro Quadratmeter gestiegen. Selbst in München ist es mittlerweile günstiger.

Hofeditz und ihr Team betreuen 24 Kinder zwischen einem und fünf Jahren im Kinderladen „Irgendwie Anders“. Fragt sich nur, wie lange noch. Ein Investor hat das Haus gekauft und wollte den Preis pro Quadratmeter auf 19 Euro erhöhen. Acht Euro sind vom zuständigen Jugendamt pro Quadratmeter für die Bewirtschaftung des Kinderladens vorgesehen. „Alles, was wir darüber hinaus bezahlen müssen, geht den Kindern an Bildung oder gutem Essen verloren“, sagt Hofeditz. Mit Unterstützung ist es ihr gelungen, mit dem neuen Besitzer einen Quadratmeterpreis von 14 Euro kalt auszuhandeln.

Aber 2026 läuft der Mietvertrag aus, und der Wirtschaftsjurist aus Frankfurt (Oder) habe schon jetzt klargemacht, dass kein Interesse an einer Verlängerung bestehe. Ob die Plakate der Kinder da helfen? „Hier spielen wir!“ steht darauf oder „Wir wollen bleiben!“. „Niemand weiß, ob wir etwas bewirken können, aber wir wollen zumindest zeigen, dass wir eine widerspenstige Nachbarschaft sind“, verspricht sie.

Stefan Clotz zeigt seine Begeisterung für das Bündnis. „Um unter diesen Bedingungen Chancengleichheit zu verbessern, muss man außergewöhnlich gut arbeiten“, sagt er. „Der ‚Kiezanker‘ hat einen hohen Vorbildcharakter.“ Mit seiner Kollegin kommt er gerade von einem Bündnis in der Lübecker Bucht, wo das größte Problem die weiten Wege sind und die mangelnde Infrastruktur. Danach geht es weiter nach Brandenburg.

Nina Hofeditz hat sich insgeheim schon Gedanken gemacht, was man den Kindern Gutes tun könnte, falls der „Kiezanker“ tatsächlich ein Preisgeld bekommen sollte. Mit dem Bus fahren die Leiterinnen der Kinderläden oft in den nahegelegenen Plänterwald. „Da sind die Kinder dann gleich irgendwie richtig, ganz ohne Junkies in der Nähe“, erzählt Hofeditz, „sie rennen, inspizieren Krabbeltiere und sammeln Stöcke“. Und die Erzieherinnen müssten nicht ununterbrochen den Boden auf Scherben überprüfen.

Hofeditz möchte gerne einen Bauwagen in den Wald stellen, damit die Kinder immer einen festen Anlaufpunkt in der Natur haben. Esther Borkam ist begeistert von der Idee: „Träumen darf man ja.“

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